Montag, 1. September 2014

Tornado in Munshausen am 08. August 2014

Synoptische Situation 

Um 18 UTC lag Luxemburg auf der Vorderseite eines Troges, der sich von Island und westlich der Britischen Inseln bis nach Spanien erstreckte (Abb. 1). Dennoch war ein kurzwelliger Höhenrücken über dem Großteil von Deutschland wetterwirksam. Vorderseitig des erwähnten Troges liefen kurzwellige Anteile nordostwärts, die in den Höhenwetterkarten kaum zu erkennen waren  (Hinweise im IPV-Feld) und trotzdem für einen gewissen Hebungsantrieb sorgten.

Abb. 1: Geopotential + Temperatur in 500 hPa / © MeteoGroup
Im Bodendruckfeld befand sich ein Zentraltief nordwestlich von Irland. An dessen südöstlicher Flanke lag ein Randtief, welches um 18 UTC eine dipolartige Struktur besaß (Abb. 2). In den nachfolgenden Bodenanalysen (21 und 00 UTC) nahm das Randtief eine reine Monopolstruktur an und dabei verstärkte es sich unter der linken Ausgangsseite eines Jetstreams, der in der oberen Troposphäre zu finden war.
Mit der auf Südwesten drehenden Strömung gelangten zunehmend labil geschichtete Luftmassen in die Großregion. Dieser Vorstoß feuchter und warmer Luft wurde in der Analyse mit einer Warmfront über den Niederlanden und dem Nordwesten Deutschlands markiert (Abb. 2). Zudem verlief eine (teils wellende) Kaltfront über Westfrankreich, der eine Konvergenzlinie vorgelagert war.

Abb. 2: Bodenanalyse 18 UTC (links) und 21 UTC (rechts) / © Deutscher Wetterdienst


Thermodynamische Umgebung 

Die höchste Temperatur wurde an diesem Tag mit 26°C in Wasserbillig gemessen, wobei der Taupunkt am Nachmittag zwischen 17°C und 21°C variierte (Quelle: MeteoGroup-Messnetz). Als Referenz für die vertikale Schichtung der Atmosphäre und für die Bestimmung der jeweiligen Konvektionsindizes werden nun an dieser Stelle die Daten des Radiosondenaufstiegs aus Idar-Oberstein (Rheinland-Pfalz) verwendet, welcher um 18:47 Ortszeit gestartet wurde. In Abb. 3 ist das dazu gehörige thermodynamische Diagramm in Form eines schrägen T-log(p)-Diagramms dargestellt. Die rechte schwarze Zustandskurve ist der Temperaturverlauf und die linke gestrichelte Kurve der Verlauf des Taupunkts. Rechts neben dem Diagramm sind die Windpfeile für die entsprechenden Höhen angegeben.

Abb. 3 / © IGM Uni Köln
 Nun folgt eine Auflistung der wichtigsten Parameter:
  • 500 hPa Temperatur: -10,9°C
  • 500 hPa Wind: 27 kn (50 km/h)
  • 850 hPa Temperatur: +13,4°C
  • 850 hPa Wind: 17 kn (31 km/h)
  • 850 hPa pseudopotentielle Temperatur: 54°C
    ==> Luftmassentyp: Südeuropäische Subtropikluft (xS)
  • Mixed-Layer Lifted Index (500 hPa): -0,1°C
  • Surface-Based Lifted Index (500 hPa): -1,2°C
  • Mixed-Layer CAPE: 150 bis 250 J/kg
  • Surface-Based/Most-Unstable CAPE: 550 bis 750 J/kg
    ==> leichte bis mäßige latente Instabilität
  • Mixed-Layer CIN: -20 bis -10 J/kg ==> leichte bis mäßige konvektive Hemmung
  • KO-Index: ==> labile atmosphärische Verhältnisse
  • Höhe der Tropopause: 12,58 km (158 hPa)
  • Schichtdicke 1000/500 hPa: 5661 gpm
  • Ausfällbares Niederschlagswasser (PWAT): 30 bis 33 mm
  • Windscherung 0-1 km (LLS):  5,1 m/s
  • Windscherung 0-3 km:  12,0 m/s
  • Windscherung 0-6 km (DLS): 13,1 m/s
  • SRH 0-3 km: 102,60 m²/s²
Im Allgemeinen zeigten die Lapse Rates zwischen 2 und 5 km keine erhöhte Labilität (stabilisierende Schichten bzw. "CAPE robber" im Bereich von 700 und 550 hPa), woraus die ziemlich bescheidenen CAPE-Werte resultierten. Hagel sollte deswegen nur im marginalen Bereich auftreten. Die PWAT-Werte waren zwar recht hoch, allerdings ließen die 500 hPa Winde um 30 kn auf eine erhöhte Zuggeschwindigkeit schließen. Entsprechend sollten die Niederschlagsmengen im markanten Bereich verbleiben, wobei sich ein lokal stärkeres Ereignis bezüglich Starkregen nicht ganz ausschließen ließ. Die spezifische Feuchte lag zwischen 10 und 12 g/kg.
Die hochreichende Scherung (DLS) war ingesamt eher gering. Niedertroposphärisch war die Windscherung zunächst auch nicht erwähnenswert, ehe sie durch die verstärkte Tiefdruckentwicklung über dem Ärmelkanal gegen Mitternacht auf signifikante Werte um 15 m/s stieg. Darüber hinaus waren die Helizitätswerte wegen rechtsdrehender Winde im Bereich der bodennahen Luftschichten erhöht.


Verifikation

Im Laufe des Nachmittags entwickelte sich gegen 16:30 Ortszeit eine konvektive Zelle im Bereich der belgischen Ortschaft Attert nahe der luxemburgisch-belgischen Grenze. Diese Zelle besaß eine nordöstliche Zugrichtung und zog unter Verstärkung südöstlich an Wiltz vorbei in Richtung Clerf. Gegen 18:00 Ortszeit verließ die Konvektionszelle luxemburgischen Boden in Richtung der belgischen Ortschaft Ouren. In Abb. 4 kann man die gesamte zeitliche Entwicklung begutachten.

Abb. 4: Niederschlagsradaranimation 14:30 bis 16:00 UTC / © MeteoGroup
Im Allgemeinen wies diese isolierte Zelle keine besonderen Merkmale auf, denn deren Ausmaß war sehr gering und die Radarreflektivitäten erreichten nur sehr punktuell Werte über 50 dBZ. Zudem produzierte sie nicht einen einzigen Blitz. Bei genauerer Betrachtung erkennt man jedoch bei den Radarscans von 17:10, 17:20 und 17:30 Ortszeit ein hakenförmiges Echo (eng. hook echo), was in der Regel auf einen rotierenden Aufwindbereich hindeutet, aber noch kein hinreichender Beweis ist, sondern eher ein Indiz (Abb. 5).

Abb. 5: Niederschlagsradarbild 15:20 UTC / © MeteoGroup
Dennoch konnte dieser Indiz durch mehrere Beobachtungen gestützt werden. In Munshausen wurde nämlich ein schwacher Tornado von einem Augenzeugen gefilmt (siehe unteres Video), der die harmlos anzumutende konvektive Zelle produzierte. Dabei befand sich der Beobachter im Zentrum von Munshausen ("Om Knupp") und blickte in eine südöstliche Richtung. Im Video erkennt man eine sehr tiefe und rotierende Wolkenabsenkung, wobei der Luftwirbel nicht bis zum Boden hin komplett auskondensierte. Anhand der Eindrücke am Anfang des Videos, könnte man davon ausgehen, dass dieser Tornado multiple Vortices beherbergte. Am Ende des Videos ist der Luftwirbel nicht mehr gut zu erkennen.


Anmerkung - Der Begriff "Mini-Tornado" existiert nicht in der Meteorologie, sondern wurde von den Medien erschaffen.

Im Bereich der Straße CR343 in der Nähe von Neidhausen (mit Blickrichtung Südwesten bis Westen) wurde ein weiteres Video von diesem Phänomen aufgenommen: http://de.tinypic.com/r/24vs10g/8 (Urheber unbekannt, via Meteo Remich)

Während der Velagerung der Zelle quer über den Norden Luxemburgs konnte folgende Impression festgehalten werden (Ort unbekannt), auf der man auch die tiefe Wolkenabsenkung sieht:




Als diese isolierte Konvektionszelle im äußersten Norden Luxemburgs ankam, konnte im Bereich von Lieler (südöstlich von Weiswampach) eine sehr fein strukturierte und trichterförmige Wolkenmauer dokumentiert werden: 



Leicht östlich von Munshausen wurden durch den Tornado leichte Schäden angerichtet, die laut Augenzeugen im Bereich einer Schneise aufzufinden waren. Das Blechdach eines Ziegelbaus wurde komplett abgedeckt:



Desweiteren wurden auch marginale Vegetationsschäden dokumentiert:






Laut der örtlichen Polizei soll auch ein Dorffest in Munshausen (im Bereich der Frummeschgaass) während dem Durchzug des Tornados beschädigt worden sein, wobei aber niemand verletzt wurde. Nach Rückfrage beim zuständigen Kommissariat aus Clerf wurden leider keine Fotos der Schäden gemacht. Außerhalb des Bereiches zwischen Munshausen und Neidhausen liegen keine Informationen über eventuellen Bodenkontakt der Trichterwolke oder Schäden vor.

Der Zeitpunkt dieses Windphänomens war ungefähr 17:30 Ortszeit (+/- 10 Minuten) und in Abb. 6 ist die Position des Tornados an der Spitze des hakenförmigen Radarechos grob dargestellt.

Abb. 6: Niederschlagsradarbild 15:30 UTC / © MeteoGroup
In Anbetracht der aufgetretenen Schäden und des audiovisuellen Materials, wodurch sich ein deutliches Bild ergab, geht man zurzeit davon aus, dass der Tornado zwischenzeitlich die T2/F1-Stärke (118 bis 150 km/h) erreichte (Quellen: http://tornadoliste.de/ & http://www.skywarn.de/downloads/schadensanalyse/schadensskala_bebildert.pdf).

Die Klassifizierung der dafür verantwortlichen  konvektiven Zelle erwies sich im Allgemeinen als relativ schwierig. Zum einen wies die Zelle überhaupt keine Blitzaktivitäten auf, so dass innerhalb der konvektive Zelle keine starken Vertikalbewegungen stattfanden. Zum anderen besaß die Zelle auch nur eine vertikale Ausdehnung von ungefähr 5 km (aus den sichtbaren und eingefärbten infraroten Satellitenbildern ersichtlich), so dass man in diesem Fall noch nicht einmal von hochreichender Konvektion reden kann (Abb. 7). Dies erklärt auch die abwesende Blitzaktivität.
Dementsprechend ist es sehr unwahrscheinlich, dass es sich hier um eine ausgereifte Mesozyklone gehandelt hat, denn die Zelle war auch nicht besonders langlebig und wies keine ausgeprägten superzelligen Strukturen auf (im Zweifel für den Angeklagten könnte man es widerwillig als "low-topped supercell" durchgehen lassen, obwohl einiges dagegen spricht). Es erscheint plausibel, dass hauptsächlich niedertroposphärisches Veering (rechtsdrehende Winde, siehe 18 UTC Radiosondenaufstieg aus Idar-Oberstein), moderate Windscherung und relativ niedrige Kondensationsniveaus für die Tornadogenese verantwortlich waren. 


Abb. 7: RGB-Satellitenbild 15:15 UTC / © MeteoGroup

Nach dem Tornado in Weiswampach am 28. Juli 2012 ist es nun somit der zweite verifizierte Tornado in Luxemburg (siehe Tornado Map).

Danksagung 

An dieser Stelle möchte ich Philippe Ernzer von Météo Boulaide für die Kooperation bezüglich des Austauschs von Bildmaterial und jeglichen Informationen danken. Vielen Dank auch an Thomas Sävert (Meteorologe von MeteoGroup und Besitzer der Homepage http://tornadoliste.de/) für die Hilfe bei der Bearbeitung dieses Falles.

Freitag, 29. August 2014

Besuergt eis en Hurrikan nees Héichdrockafloss?

Sou komesch engem dës Fro och virkënnt, mä nom Ex-Hurrikan BERTHA schéngt nees en Tropestuerm eist Wieder signifikativ ze beaflossen. Dës Kéier handelt et sech ëm den Hurrikan CRISTOBAL, deen sech den Ament (16 UTC) ëstlech vun Neufundland iwwert dem Nordatlantik befënnt:


Demnächst gëtt de CRISTOBAL an d'polar Frontalzon agebonnen an agéiert dann als extra-tropeschen Zyklon ënnert dem Numm Ex-CRISTOBAL. Um ieweschte Satellittebild erkennt een e kompakt a groussraimegt Wollekefeld, dat duerch déi kräfteg Advektioun vu subtropescher Loft, déi deen tropesche System mat sech bréngt, generéiert gouf:


Et ass och éischter seelen, datt een op enger Buedemanalys vun engem europäeschen Wiederdéngscht en "Hurrikan-Logo" erëm fënnt, mä dat war haut zum Beispill op der Analys vun haut de Mëtteg vum Däitschen Wiederdéngscht de Fall:

Wat iwwregens och nach op der ieweschter Analys interessant ze gesinn ass, ass eng sougenannten Zyklonefamill, déi sech südëstlech vum Hurrikan CRISTOBAL bis an déi Iberesch Hallefinsel erstreckt.
Wichteg fir déi weider Entwécklung vum Wieder iwwert Westeuropa, ass en Zentraldéif südlech vu Grönland (och op der Buedemanalys ze gesinn). Dëst Déif integréiert souzesoen den Ex-CRISTOBAL a seng zyklonal Zirkulatioun, sou datt den Ex-Tropestuerm sech als Stuermdéif e Sonndeg de Mëtteg westlech vun Island befanne wäert (mat engem Kärdrock tëscht 970 an 975 hPa).
Vu datt op der viischter Säit vum Ex-CRISTOBAL kontinuéierlech waarm Loftmassen a Richtung Norden transportéiert ginn, gëtt eng Ausdehnung respektiv e Keil vum Azorenhéich ënnerstëtzt.  Gläichzäiteg etabléiert sech en Héich iwwert Skandinavien, sou datt den Déifdrockkomplex bei Island blockéiert gëtt an de Keil vum Azorenhéich kann sech mat skandinaveschen Héich verbannen. Deementspriechend soll Ufank der nächster Woch eng sougenannten Héichdrockbréck vum Ostatlantik iwwert d'Britesch Insele bis an den Nordweste vu Russland entstoen. Dës ganz synoptesch Entwécklung ass an der ënneschter Animatioun ze gesinn.


Natierlech muss een sech elo d'Fro stellen, wéi sécher dës Previsioun dann eigentlech ass. Obwuel d'Wiedermodeller beim Agräife vun engem tropesche Wiedersystem an extra-tropesch Zirkulatiounen normalerweis gréisser Problemer mat der Konsistenz vun hire Berechnungen hunn an ergo gréisser Onsécherheeten an der Previsioun entstinn, kann een dës Kéier awer dovunner ausgoen, datt den zouhuelenden Héichdrockafloss Ufank der nächster Woch an dermadder e wesentlech méi frëndlechen an dréchene Wiedercharakter duerchaus als héich probabel ugesi ka ginn. Ob d'Temperaturen et am Laf vun der nächster Woch am Endeffekt iwwerall am Land an de Beräich vu 25°C packe wäerten, ass no aktuellem Stand nach immens fragwürdeg. Dat hänkt haaptsächlech dovunner of wéi sech d'Stréimunge schlussendlech iwwert Mëtteleuropa etabléiere wäerten. Fir den Detail vun enger lokaler Previsioun ass et souwisou nach vill ze fréi.
Op jidde Fall steet enger Ëmstellung vun der Wiederlag net méi allze vill am Wee, mä wéi laang déi sech hale wäert ass logescherweis nach net gewosst, wéi een et zum Beispill kloer um Spread vum Loftdrock-Ensemble erkenne kann (SLP = Sea Level Pressure):



Basis fir dësen Artikel: ECMWF 00 UTC, GFS 12 UTC, GME 12 UTC

Mittwoch, 20. August 2014

Kaltfrontgewitter am 10. August 2014

Synoptische Situation 

Um 12 UTC lag in 500 hPa ein umfangreiches Tief mit Zentrum nordwestlich der Britischen Inseln und südlich daran schloss sich ein breiter, nicht sonderlich markanter Trog an. Um dieses Höhentief schwenkte ein kurzwelliger Randtrog, der zu diesem Zeitpunkt von Irland südostwärts zur Normandie reichte (Abb. 1). Die vorderseitige PVA und die damit verbundene Hebung erfasste demzufolge abends die Großregion.

Abb. 1: Geopotential + Temperatur + Wind in 500 hPa / © Deutscher Wetterdienst
Im Bodendruckfeld lag entwicklungsgünstig unter dem Randtrog ein Tief über Ostengland, in dem der ehemalige Hurrikan "Bertha" steckte, das im weiteren Verlauf zur nördlichen Nordsee zog und sich auf einen Kerndruck von 976 hPa vertiefte. Die Warmfront dieses Bodentiefs erreichte am späten Nachmittag bzw. Abend das Norddeutsche Tiefland und war, wie im Sommer üblich, wenig wetteraktiv. Im Warmsektor wurde jedoch ein Schwall feuchtwarmer und labiler Luft herangeführt. Von Frankreich her näherte sich eine Kaltfront, der eine gewittrige Konvergenz vorgelagert war (Abb. 2). Postfrontal stabilisierte sich die Schichtung und vor allem wurde in der unteren Troposphäre deutlich frischere und trockenere Luft nach Westeuropa geführt. 

Abb. 2: Bodenanalyse 15 UTC (links) und 18 UTC (rechts) / © Deutscher Wetterdienst

Thermodynamische Umgebung 

Die höchste Temperatur wurde an diesem Tag mit 22.2°C in Wasserbillig gemessen, wobei der Taupunkt am Nachmittag zwischen 18°C und 21°C variierte (Quelle: MeteoGroup-Messnetz). Als Referenz für die vertikale Schichtung der Atmosphäre und für die Bestimmung der jeweiligen Konvektionsindizes werden nun an dieser Stelle die Daten des Radiosondenaufstiegs aus Idar-Oberstein (Rheinland-Pfalz) verwendet, welcher um 18:47 Ortszeit gestartet wurde. In Abb. 3 ist das dazu gehörige thermodynamische Diagramm in Form eines schrägen T-log(p)-Diagramms dargestellt. Die rechte schwarze Zustandskurve ist der Temperaturverlauf und die linke gestrichelte Kurve der Verlauf des Taupunkts. Rechts neben dem Diagramm sind die Windpfeile für die entsprechenden Höhen angegeben.
Abb. 3 / © IGM Uni Köln
Nun folgt eine Auflistung der wichtigsten Parameter:
  • 500 hPa Temperatur: -11°C
  • 500 hPa Wind: 53 kn (98 km/h)
  • 850 hPa Temperatur: +13°C
  • 850 hPa Wind: 43 kn (80 km/h)
  • 850 hPa pseudopotentielle Temperatur: 54°C
    ==> Luftmassentyp: Südeuropäische Subtropikluft (xS)
  • Mixed-Layer Lifted Index (500 hPa): 0°C
  • Surface-Based Lifted Index (500 hPa): -2°C
  • Mixed-Layer CAPE: 100 bis 300 J/kg
  • Surface-Based/Most-Unstable CAPE: 800 bis 1000 J/kg
    ==> mäßige latente Instabilität
  • Mixed-Layer CIN: -30 bis -10 J/kg ==> leichte bis mäßige konvektive Hemmung
  • KO-Index: -4  ==> labile atmosphärische Verhältnisse
  • Höhe der Tropopause: 12,04 km (200 hPa)
  • Ausfällbares Niederschlagswasser (PWAT): 35 mm
  • Windscherung 0-1 km (LLS): 18 m/s
  • Windscherung 0-6 km (DLS): 25 m/s
  • SRH 0-3 km: 119 m²/s²
Die Troposphäre war insgesamt bedingt labil geschichtet, wobei deren unteren Hälfte sehr feucht war (inklusive hohe Grundschichtfeuchte), was man an der sehr geringen Taupunktdifferenz deuten kann. Oberhalb von 450 hPa war ein markanter Einschub trockener Luft zu verzeichnen, die auch eine Temperaturinversion zur Folge hatte. Diese relativ trockene Schicht erstreckte sich bis in 300 hPa.  
Desweiteren war die Labilität gemäß den CAPE-Werten allerdings nicht exorbitant hoch. Umso signifikanter waren jedoch die Scherungswerte (LLS und DLS), die auf organisierte und potentiell unwetterartige Konvektion hindeuteten. Da die 700 hPa Winde um 50 kn auf eine erhöhte Zuggeschwindigkeit schließen ließen, war das Reißen des Schwellenwerts für Starkregen (25 mm/h) zwar angesichts der hohen PWAT-Werte im Bereich des Möglichen, im Allgemeinen aber eher unwahrscheinlich. Die markantere potentielle Gefahr lag in den schweren Sturmböen, die in der Umgebung von Gewitter auftreten konnten, speziell bei der Kaltfrontpassage.


Verifikation 

Der Tag startete verbreitet mit einem stark bewölkten Himmel und dieser hohe Bedeckungsgrad blieb der Großregion auch den ganzen Tag erhalten. Somit war direkte Sonneneinstrahlung nur Mangelware, so dass die Höchsttemperaturen in höher gelegenen Ortschaften noch nicht mal die 20°C-Marke überschritten.
Gegen Mittag setzte stellenweise warmfrontgebundener Niederschlag ein, unmittelbar gefolgt von markanten Kombigewittern, welche an die präfrontale Konvergenzzone gekoppelt waren und mit hoher Blitzaktivität südöstlich an Luxemburg vorbeizogen. Zwischen 16:00 und 17:00 Ortszeit erfasste ein weiteres präfrontales Gewitter den äußersten Südosten Luxemburgs (siehe Blitzaktivitäten, Abb. 8).
Im Laufe des Nachmittags intensivierte sich die Kaltfront über dem Nordwesten Frankreichs (Abb. 4). Zum einen erfuhr das Frontensystem durch die Vorderseite des Randtroges nützliche Hebung (in Form von PVA) und zum anderen klarte es zwischenzeitlich im Bereich zwischen der Front und der Konvergenzlinie gut auf (Erhöhung der latenten Instabilität durch solare Einstrahlung).

Abb. 4: Satellitenbildanimation 11:50 bis 14:50 UTC / © MeteoGroup
Die Katakaltfront mit der zugehörigen eingebetten Feuchtekonvektion erreichte Luxemburg gegen 19:00 Ortszeit. Dabei hatten sich die Gewitterzellen, die im Bereich der Champagne-Ardenne, Picardie und Ile-de-France noch einen sehr kräftigen Eindruck machten, merklich abgeschwächt. Ein markantes konvektives Segment der mehrzelligen Schauerlinie, die wegen der starken Höhenwinde relativ schnell über Luxemburg hinwegzog, betraf Teile der Kantone Redingen, Wiltz, Diekirch und Vianden (Abb. 5). In den übrigen Regionen hielt sich die konvektive Aktivität in Grenzen.

Abb. 5: Niederschlagsradaranimation 16:00 bis 19:00 UTC / © MeteoGroup
Die Radarsignaturen und -reflektivitäten wiesen keine Auffälligkeiten auf. Die höchsten Niederschlagsintensitäten lagen im Bereich von 48 dBZ, so dass Hagel während diesem konvektiven Ereignis höchstwahrscheinlich Seltenheitswert besaß. Zudem verblieben die stündlichen Regenmengen während der Kaltfrontpassage im normalen bis markanten Bereich (Mengen > 10 mm; Quelle: ASTA, MeteoGroup):
  • 14.2 mm in Oberkorn (19:00 bis 20:00)
  • 13.7 mm in Fuhren (19:00 bis 20:00)
  • 12.0 mm in Roodt (18:00 bis 19:00)
  • 10.8 mm in Eschdorf (19:00 bis 20:00)
Auch die 12-stündigen Niederschlagsmengen lagen im Großen und Ganzen weit unterhalb der Unwetterkriterien (Abb. 6).

Abb. 6: Niederschlagsmengen zwischen 06:00 und 18:00 UTC / © MeteoGroup
Erstaunlicherweise blieben die schweren Sturmböen aus, die eigentlich verbreitet bei der Passage des Frontensystems zu erwarten waren. Nur in Bettemburg wurde eine Sturmböe von 74 km/h gemessen, wobei die restlichen Wetterstationen größtenteils mäßige bis starke Windböen registrierten (Abb. 7). Mögliche Ursachen für den "lahmen" Kaltfrontdurchgang könnten zum einen zu schwache Vertikalbewegungen sein (siehe Blitzaktivitäten, Abb.8), so dass die Höhenwinde nicht gänzlich bis in Bodennähe runtergemischt werden konnten. Zum anderen könnte auch die teils zu schwach ausgeprägte Konvektion eine nicht zu vernachlässigende Rolle gespielt haben und zuletzt war vielleicht die niedertroposphärische Schichtung nicht optimal genug für markante Umwälzprozesse an der Kaltfront.
Wie auch immer, im Süden von Luxemburg wurden trotzdem lokale Sachschäden gemeldet (als Chaos sollte man es aber definitiv nicht bezeichnen). Welches Windphänomen diese Schäden verursachte, kann an dieser Stelle nicht geklärt werden.

Abb. 7: Maximale Windböen (in km/h) zwischen 12:00 und 18:00 UTC / © MeteoGroup
Die elektrischen Erscheinungen waren hauptsächlich in der Dreiecksfläche zwischen Wiltz, Ettelbrück und Vianden stark hevortretend (Abb. 8). Nördlich und westlich dieser Fläche wurden noch vereinzelte Blitze registriert. Desweiteren war der Kanton Remich von präfrontalen Blitzaktivitäten betroffen.

Abb. 8: Detektierte Blitze zwischen 10:00 und 17:00 UTC / © nowcast GmbH
Summa summarum handelte es sich um kaltfrontgebundene Gewitter, die durch eine Winddrehung von Süd auf West, eine Erhöhung des Druckfeldes um etwa 6 hPa und einen markanten Temperaturrückgang in 850 hPa gekennzeichnet waren (Abb. 9).

Abb. 9: Diagramm der Wetterstation aus Bettemburg / © MeteoGroup


Montag, 18. August 2014

Präfrontale Gewitter am 08. August 2014

Synoptische Situation 

Um 18 UTC lag Luxemburg auf der Vorderseite eines Troges, der sich von Island und westlich der Britischen Inseln bis nach Spanien erstreckte (Abb. 1). Dennoch war ein kurzwelliger Höhenrücken über dem Großteil von Deutschland wetterwirksam. Vorderseitig des erwähnten Troges liefen kurzwellige Anteile nordostwärts, die in den Höhenwetterkarten kaum zu erkennen waren  (Hinweise im IPV-Feld) und trotzdem für einen gewissen Hebungsantrieb sorgten.

Abb. 1: Geopotential + Temperatur in 500 hPa / © MeteoGroup
Im Bodendruckfeld befand sich ein Zentraltief nordwestlich von Irland. An dessen südöstlicher Flanke lag ein Randtief, welches um 18 UTC eine dipolartige Struktur besaß (Abb. 2). In den nachfolgenden Bodenanalysen (21 und 00 UTC) nahm das Randtief eine reine Monopolstruktur an und dabei verstärkte es sich unter der linken Ausgangsseite eines Jetstreams, der in der oberen Troposphäre zu finden war.
Mit der auf Südwesten drehenden Strömung gelangten zunehmend labil geschichtete Luftmassen in die Großregion. Dieser Vorstoß feuchter und warmer Luft wurde in der Analyse mit einer Warmfront über den Niederlanden und dem Nordwesten Deutschlands markiert (Abb. 2). Zudem verlief eine (teils wellende) Kaltfront über Westfrankreich, der eine Konvergenzlinie vorgelagert war.

Abb. 2: Bodenanalyse 18 UTC (links) und 21 UTC (rechts) / © Deutscher Wetterdienst


Thermodynamische Umgebung 

Die höchste Temperatur wurde an diesem Tag mit 26°C in Wasserbillig gemessen, wobei der Taupunkt am Nachmittag zwischen 17°C und 21°C variierte (Quelle: MeteoGroup-Messnetz). Als Referenz für die vertikale Schichtung der Atmosphäre und für die Bestimmung der jeweiligen Konvektionsindizes werden nun an dieser Stelle die Daten des Radiosondenaufstiegs aus Idar-Oberstein (Rheinland-Pfalz) verwendet, welcher um 18:47 Ortszeit gestartet wurde. In Abb. 3 ist das dazu gehörige thermodynamische Diagramm in Form eines schrägen T-log(p)-Diagramms dargestellt. Die rechte schwarze Zustandskurve ist der Temperaturverlauf und die linke gestrichelte Kurve der Verlauf des Taupunkts. Rechts neben dem Diagramm sind die Windpfeile für die entsprechenden Höhen angegeben.

Abb. 3 / © IGM Uni Köln
 Nun folgt eine Auflistung der wichtigsten Parameter:
  • 500 hPa Temperatur: -10,9°C
  • 500 hPa Wind: 27 kn (50 km/h)
  • 850 hPa Temperatur: +13,4°C
  • 850 hPa Wind: 17 kn (31 km/h)
  • 850 hPa pseudopotentielle Temperatur: 54°C
    ==> Luftmassentyp: Südeuropäische Subtropikluft (xS)
  • Mixed-Layer Lifted Index (500 hPa): -0,1°C
  • Surface-Based Lifted Index (500 hPa): -1,2°C
  • Mixed-Layer CAPE: 150 bis 250 J/kg
  • Surface-Based/Most-Unstable CAPE: 550 bis 750 J/kg
    ==> leichte bis mäßige latente Instabilität
  • Mixed-Layer CIN: -20 bis -10 J/kg ==> leichte bis mäßige konvektive Hemmung
  • KO-Index: ==> labile atmosphärische Verhältnisse
  • Höhe der Tropopause: 12,58 km (158 hPa)
  • Schichtdicke 1000/500 hPa: 5661 gpm
  • Ausfällbares Niederschlagswasser (PWAT): 30 bis 33 mm
  • Windscherung 0-1 km (LLS):  5,1 m/s
  • Windscherung 0-3 km:  12,0 m/s
  • Windscherung 0-6 km (DLS): 13,1 m/s
  • SRH 0-3 km: 102,60 m²/s²
Im Allgemeinen zeigten die Lapse Rates zwischen 2 und 5 km keine erhöhte Labilität (stabilisierende Schichten bzw. "CAPE robber" im Bereich von 700 und 550 hPa), woraus die ziemlich bescheidenen CAPE-Werte resultierten. Hagel sollte deswegen nur im marginalen Bereich auftreten. Die PWAT-Werte waren zwar recht hoch, allerdings ließen die 500 hPa Winde um 30 kn auf eine erhöhte Zuggeschwindigkeit schließen. Entsprechend sollten die Niederschlagsmengen im markanten Bereich verbleiben, wobei sich ein lokal stärkeres Ereignis bezüglich Starkregen nicht ganz ausschließen ließ. Die spezifische Feuchte lag zwischen 10 und 12 g/kg.
Die hochreichende Scherung (DLS) war ingesamt eher gering. Niedertroposphärisch war die Windscherung zunächst auch nicht erwähnenswert, ehe sie durch die verstärkte Tiefdruckentwicklung über dem Ärmelkanal gegen Mitternacht auf signifikante Werte um 15 m/s stieg. Darüber hinaus waren die Helizitätswerte wegen rechtsdrehender Winde im Bereich der bodennahen Luftschichten erhöht.


Verifikation 

Der Tag startete wolkenlos bis leicht bewölkt, ehe sich bereits im Laufe des Vormittags die Wolkendichte erhöhte. Gegen Mittag setzte dann stellenweise leichter bis mäßiger Regen ein, welcher an die Warmfront gebunden war. Weiterhin zog am späten Nachmittag eine isolierte konvektive Zelle über den Norden Luxemburgs hinweg, die jedoch nicht einen einzigen Blitz produzierte.
Zur gleichen Zeit kam es über Westfrankreich verbreitet zur Auslöse von Feuchtekonvektion (Abb. 4a). Die einzelnen konvektiven Systeme ordneten sich zu einem mesoskaligen und quasi linearen konvektiven System entlang einer präftontalen Konvergenzlinie an, dessen Wolkenband sich von den Pyrenäen bis nach Belgien erstreckte und dabei punktuelle Wolkenoberseitentemperaturen von bis zu -70°C aufzeigte (Abb. 4b).

Abb. 4a: Satellitenbildanimation (Wolkenoberseitentemperatur) 15:00 bis 18:00 UTC  / © MeteoGroup
Abb. 4b: Satellitenbildanimation (Wolkenoberseitentemperatur) 18:00 bis 21:00 UTC  / © MeteoGroup
Die ersten Gewitterherde erreichten Luxemburg gegen 21:00 Ortszeit und zogen daraufhin über Teile der Kantone Esch/Alzette, Capellen, Diekirch und Vianden. Nachfolgend wurden weitere konvektive Zellen aus Nordfrankreich kommend über luxemburgischem Boden aktiv und diese betrafen den Großteil des Landes (Abb. 5a+b). Dabei hatten die Gewitter im Allgemeinen einen mehrzelligen Charakter und waren mit einzelnen ausgeprägten konvektiven Segmenten relativ unorganisiert, obwohl die Windscherung anfangs der Nacht zunahm. Somit waren keine allzu auffälligen Radarsignaturen vorhanden.

Abb. 5a: Niederschlagsradaranimation 18:00 bis 21:00 UTC / © MeteoGroup
Abb. 5b: Niederschlagsradaranimation 21:00 bis 00:00 UTC / © MeteoGroup
Die primäre Begleiterscheinung der Multizellengewitter war trotz deren erhöhter Zuggeschwindigkeit der Starkregen, so dass stellenweise markante stündliche Niederschlagsmengen (in mm, Quelle: ASTA & MeteoGroup) gemessen wurden:
  • 20.9 Merl (23:00 bis 00:00)
  • 20.7 Steinfort (21:00 bis 22:00)
  • 18.9 Ettelbrück (22:00 bis 23:00)
  • 15.6 Bettemburg (23:00 bis 00:00)
Desweiteren verblieben die 6-stündigen Regenmengen in weiten Teilen des Landes im markanten Bereich, wobei in manchen Ortschaften unwetterartige Mengen (> 40 mm) zu verzeichnen waren (Abb. 6). Trotzdem stützten diese Messwerte die etlichen Meldungen über lokale Überschwemmungen nicht, da keine exorbitanten Niederschlagsmengen in kürzester Zeit gefallen sind. Außerdem bewegten sich die Radarreflektivitäten in dem für Konvektion zu erwartenden Bereich (um 50 dBZ), ohne irgendwelche Extrema. Dementsprechend war Hagel auch kein großes Thema.

Abb. 6: Niederschlagsmengen zwischen 18:00 und 00:00 UTC / © MeteoGroup
Die Intensität der elektrischen Erscheinungen war größtenteils moderat und die Blitzaktivitäten betrafen quasi das gesamte Land. Die geringste Anzahl an Blitzen wurde nördlich der Sauer verzeichnet, wobei die höchste Blitzdichte im südwestlichen Teil von Luxemburg anzutreffen war.

Abb. 7: Detektierte Blitze zwischen 16:00 und 22:30 UTC / © nowcast GmbH
Summa summarum verblieben diese präfrontalen Gewitter im markanten Bereich. Die konvektiven Entwicklungen wurden hauptsächlich durch die der Kaltfront vorgelagerten Konvergenz der Warmluft am Boden getriggert, wobei die Höhendynamik durchaus auch eine nicht zu vernachlässigende Rolle gespielt haben könnte. Die nur wenig wetteraktive Kaltfront zog am Morgen des folgenden Tages über die Großregion hinweg.

Wolkenblitz (Ort: Niederkerschen)
Superzellige Strukturen eines aufziehenden Gewitters (Ort: Oberkorn, Blickrichtung: Südwesten)

Freitag, 15. August 2014

Frontgewitter am 04. August 2014

Synoptische Situation 

Um 12 UTC lag in 500 hPa ein breiter Trog über dem Nordatlantik, so dass sich eine zonale Strömung zwischen Neufundland und Westeuropa etablierte. An der östlichen Flanke dieses Troges befand sich ein Höhentief nördlich von Schottland. Zudem lag Luxemburg auf der Vorderseite eines Kurzwellentroges, dessen Achse sich über dem Nordwesten Frankreichs befand (Abb. 1). Die daraus resultierende südliche bis südwestliche Höhenströmung war nur leicht zyklonal gekrümmt.

Abb. 1: Temperatur + Geopotential + Wind 500 hPa / © Deutscher Wetterdienst
Am Boden befand sich tiefer Luftdruck zwischen Island und den Britischen Inseln, während über Westeuropa ein schwacher Keil des Azorenhochs Einfluss nahm (Abb. 2). Die Lage der Front, die stabile und trockene Luft im Westen von warmer, aber nicht mehr ganz so feuchter Luft im Osten trennte, wurde von den europäischen Wetterdiensten unterschiedlich interpretiert. Nach der Auffassung des Deutschen Wetterdienstes befand sich Luxemburg im Bereich einer wellenden Kaltfront, die von Norddeutschland bis in den Osten Frankreichs verlief (Abb. 2). Eine ähnliche Ansicht hatte der niederländische Wetterdienst KNMI, der jedoch keine wellende Eigenschaft der Kaltfront in Betracht zog.

Abb. 2: Bodenanalyse 12 UTC / © Deutscher Wetterdienst
Eine etwas andere Sichtweise hatte der Britische Wetterdienst Met Office. Dieser ging von einem frontolytischen Prozess aus, d.h. die Kaltfront schwächte sich durch den Azorenkeil ab und erstreckte sich von der Großregion bis in den Südwesten Frankreichs (Abb. 3).

Abb. 3: Bodenanalyse 12 UTC / © Met Office


Thermodynamische Umgebung 

Die höchste Temperatur wurde an diesem Tag mit 24.4°C in Ettelbrück gemessen, wobei der Taupunkt am Nachmittag zwischen 15°C und 18°C variierte (Quelle: MeteoGroup-Messnetz). Als Referenz für die vertikale Schichtung der Atmosphäre und für die Bestimmung der jeweiligen Konvektionsindizes werden nun an dieser Stelle die Daten des Radiosondenaufstiegs aus Idar-Oberstein (Rheinland-Pfalz) verwendet, welcher um 12:45 Ortszeit gestartet wurde. In Abb. 4 ist das dazu gehörige thermodynamische Diagramm in Form eines schrägen T-log(p)-Diagramms dargestellt. Die rechte schwarze Zustandskurve ist der Temperaturverlauf und die linke gestrichelte Kurve der Verlauf des Taupunkts. Rechts neben dem Diagramm sind die Windpfeile für die entsprechenden Höhen angegeben. 
Abb. 4 / © IGM Uni Köln

Nun folgt eine Auflistung der wichtigsten Parameter:
  • 500 hPa Temperatur: -16,5°C
  • 500 hPa Wind: 19 kn (35 km/h)
  • 850 hPa Temperatur: +10,0°C
  • 850 hPa Wind: 6 kn (11 km/h)
  • 850 hPa pseudopotentielle Temperatur: 47°C
    ==> Luftmassentyp: Gealterte südeuropäische Subtropikluft
  • Mixed-Layer Lifted Index (500 hPa): -3,8°C
  • Surface-Based Lifted Index (500 hPa): -5,3°C
  • Mixed-Layer CAPE: 850 bis 1050 J/kg
  • Surface-Based/Most-Unstable CAPE: 1500 bis 1700 J/kg
    ==> starke latente Instabilität
  • Mixed-Layer CIN: 0 J/kg ==> keine konvektive Hemmung
  • KO-Index: -7  ==> labile atmosphärische Verhältnisse
  • Höhe der Tropopause: 10,58 km (250 hPa)
  • Schichtdicke 1000/500 hPa: 5586 gpm
  • Ausfällbares Niederschlagswasser (PWAT): 25 mm
  • Windscherung 0-1 km (LLS): 1,2 m/s
  • Windscherung 0-6 km (DLS): 8,1 m/s
Die über Luxemburg wirksamen Luftmassen waren im Allgemeinen nicht mehr allzu feucht, was man anhand der PWAT-Werte gut deuten kann. Zudem lag die spezifische Feuchte zwischen 10 und 12 g/kg. Eine erhöhte Labilität war vor allem in den mittleren Schichten vorzufinden, in deren Bereich ein stärkere vertikale Temperaturabnahme stattfand. Bis in 800 hPa war die Troposphäre gut durchmischt bzw. trockenindifferent geschichtet, so dass die gesamte Troposphäre eine latent labile Schichtung aufzuzeigen hatte. Daraus resultierten dann auch die teils markanten CAPE-Werte. Die Windscherung und Höhewinde waren recht schwach (16 kn in 700 hPa). Ergo war organisierte Konvektion unwahrscheinlich, obwohl das Auftreten von Starkregen und kleinkörnigem Hagel durchaus möglich war (ersteres wegen PWAT und letzteres wegen CAPE).


Verifikation 

Der Tag startete verbreitet mit feuchtem Dunst oder tiefer Bewölkung, was auf eine hohe Grundschichtfeuchte zurückzuführen war. Demnach war lange und direkte Sonneneinstrahlung nicht unbedingt notwendig um eine signifikante latente Instabilität "hervorzurufen".
Zwischen 11:00 und 13:00 Ortszeit kam es dann zur Auslöse von Feuchtekonvektion über der Großregion und Nordostfrankreich (Abb. 5). Haupsächlich frontgebundener Antrieb triggerte die konvektiven Zellen, höchstwahrscheinlich mit Unterstützung der Hebungsimpulse an der Vorderseite des oben erwähnten Kurzwellentroges.

Abb. 5: Satellitenbildanimation 09:00 bis 12:00 UTC  / © MeteoGroup
Eine erstes, recht kompaktes Gewitter entwickelte sich gegen 12:00 Ortszeit zwischen Bartringen und Düdelingen (Abb. 6a). Es war zeitweise sehr blitzaktiv und zog in eine ost-nordöstliche Richtung. Dabei schwächte sich diese Gewitterzelle ab und an deren südlichen Flanke kam es zu konvektiven Neuentwicklungen, von denen hauptsächlich der Kanton Remich betroffen war.
Kur vor 13:00 Ortszeit entstanden über dem Nordwesten Luxemburgs neue Gewitterherde, die sich im weiteren Verlauf gruppierten und über die Kantone Wiltz, Clerf, Diekirch und Vianden hinwegzogen (Abb. 6a). Die restlichen Kantone Luxemburg, Mersch, Capellen, Esch/Alzette und Echternach waren jedoch auch von konvektiven Zellen betroffen, die mehr oder minder blitzaktiv waren (Abb. 6b). Im Allgemeinen besaßen die Gewitter einen mehrzelligen Charakter und der Zeitraum konvektiver Aktivitäten lag ungefähr zwischen 12:00 und 15:00 Ortszeit.

Abb. 6a: Niederschlagsradaranimation 09:00 bis 12:00 UTC / © MeteoGroup
Abb. 6b: Niederschlagsradaranimation 12:00 bis 13:00 UTC / © MeteoGroup
Die höchsten Radarreflektivitäten der Zellen lagen größtenteils im Bereich zwischen 48 und 54 dBZ, wobei punktuell Maxima von 60 dBZ gemessen wurden. Dies stützt die lokalen Beobachtungen von Hagel mit kleinem Durchmesser und generell war der Starkregen die primäre Begleiterscheinung der Gewitter.
Zwischen 13:00 und 14:00 Ortszeit akkumulierten sich 40.5 mm Regen in Ulflingen, 30.6 mm in Asselborn und 26.9 mm in Eschdorf. Diese stündlichen Mengen entsprechen den Unwetterkriterien. Die Niederschlagsmessungen der restlichen Wetterstationen bewegten sich größtenteils im markanten Bereich. Die 12-stündigen Regenmengen zeigten außerdem die für konvektive Niederschläge typischen signifikanten lokalen Unterschiede auf (Abb. 7).

Abb. 7: Niederschlagsmengen in mm zwischen 06:00 und 18:00 UTC / © MeteoGroup
Die Intensität der Blitzaktivitäten war moderat, wobei zeitweise punktuell eine relativ hohe Blitzfrequenz gemessen wurde, wie zum Beispiel im Bereich von Stolzemburg nördlich von Vianden und im Bereich zwischen Luxemburg-Stadt und Mondorf (Abb. 8). Von elektrischen Erscheinungen quasi ausgegrenzt waren Teile der Kantone Capellen und Redingen.
Ein Blitzschlag in Leudelingen verursachte hohen Sachschaden an einem Wohnhaus. Jedoch wurde dieser Erdblitz nicht vom nowcast-Messnetz detektiert, so dass an dieser Stelle keine Aussage über dessen Stromstärke und Polarität gemacht werden kann.

Abb. 8: Detektierte Blitze zwischen 09:00 und 13:00 UTC / © nowcast GmbH
Summa summarum bewegte sich der Großteil der frontgebundenen Gewitter im markanten Bereich, mit lokalen unwetterartigen Entwicklungen bezüglich Starkregen.

Montag, 11. August 2014

Mehrzellige Gewitter am 29. Juli 2014

Synoptische Situation 

Luxemburg befand sich im Bereich einer meist extrem schwachen, zyklonalen Höhenströmung und lag nördlich eines Höhentiefs, das über dem Südosten Frankreichs positioniert war (Abb. 1).

Abb. 1: Temperatur + Geopotential + Wind 500 hPa um 12 UTC / © Deutscher Wetterdienst
Im Bodendruckfeld war ein flaches und diffuses Tiefdrucksystem über Mitteleuropa und dem östlichen Mitteleuropa mit eingelagerter warmer und feuchtlabil geschichteter Luftmasse wetterwirksam. Über Teilen Belgiens, Hollands und Frankreichs floss in der Nacht zum Mittwoch etwas stabilere und kühlere Luft herein. Die dadurch entstehende quasi-frontogenetische Situation wurde in der nachmittäglichen Bodenanalyse bereits mit einer Front angedeutet (Abb. 2), wobei dies jedoch zu Verwirrungen führen kann, denn die Hebungsprozesse an diesem Tag resultierten größtenteils aus niedertroposphärischer Konfluenz und nicht durch frontgebundenen Antrieb.

Abb. 2: Bodenanalyse 15 UTC / © Deutscher Wetterdienst


Thermodynamische Umgebung 

Die höchste Temperatur wurde an diesem Tag mit 26.8°C in Eisenbach (Eesbech) gemessen, wobei der Taupunkt am Nachmittag zwischen 18°C und 21°C variierte (Quelle: MeteoGroup-Messnetz). Als Referenz für die vertikale Schichtung der Atmosphäre und für die Bestimmung der jeweiligen Konvektionsindizes werden nun an dieser Stelle die Daten des Radiosondenaufstiegs aus Idar-Oberstein (Rheinland-Pfalz) verwendet, welcher um 18:49 Ortszeit gestartet wurde. In Abb. 3 ist das dazu gehörige thermodynamische Diagramm in Form eines schrägen T-log(p)-Diagramms dargestellt. Die rechte schwarze Zustandskurve ist der Temperaturverlauf und die linke gestrichelte Kurve der Verlauf des Taupunkts. Rechts neben dem Diagramm sind die Windpfeile für die entsprechenden Höhen angegeben.

Abb. 3 / © IGM Uni Köln
Nun folgt eine Auflistung der wichtigsten Parameter:
  • 500 hPa Temperatur: -11,5°C
  • 500 hPa Wind: 10 kn (19 km/h)
  • 850 hPa Temperatur: +13,0°C
  • 850 hPa Wind: 8 kn (15 km/h)
  • 850 hPa pseudopotentielle Temperatur: 55°C
    ==> Luftmassentyp: Südosteuropäische Subtropikluft (cS)
  • Mixed-Layer Lifted Index (500 hPa): -3°C
  • Surface-Based Lifted Index (500 hPa): -5°C
  • Mixed-Layer CAPE: 850 bis 950 J/kg
  • Surface-Based/Most-Unstable CAPE: 1700 bis 2000 J/kg
    ==> starke latente Instabilität
  • Mixed-Layer CIN: -0 J/kg ==> keine konvektive Hemmung
  • KO-Index: -2  ==> labile atmosphärische Verhältnisse
  • Höhe der Tropopause: 11,91 km (206hPa)
  • Schichtdicke 1000/500 hPa: 5660 gpm
  • Ausfällbares Niederschlagswasser (PWAT): 33 bis 37 mm
  • Windscherung 0-1 km (LLS): 4,1 m/s
  • Windscherung 0-6 km (DLS): 6,2 m/s
Die gesamte Troposphäre beinhaltete sehr viel Wasser, was sich in den hohen PWAT-Werten und in der hochreichend geringen Taupunktdifferenz widerspiegelte. Dies bildete in Kombination mit den schwachen Höhenwinden eine gute Grundlage für das Auftreten von heftigem Starkregen. Die Höhen der Wolkenuntergrenzen waren wegen der hohen Feuchte innerhalb der bodennahen Luftschichten auch relativ niedrig angesiedelt (Hebungskondensationsniveau bei ca. 950 hPa).
Desweiteren war die troposphärische Schichtung im Allgemeinen feuchtlabil.
Ein feuchtadiabatisch aufsteigendes Luftpaket konnte also in der feuchtlabilen Schicht ohne äußeren Antrieb immer weiter steigen, da seine Temperatur stets über derjenigen der Umgebung lag und es folglich Auftrieb erfuhr. Defacto waren hohe CAPE-Werte und hochreichende Konvektion die logische Konsequenz. Organisierte Konvektion war wegen sehr schwacher Windscherung eher unwahrscheinlich.


Verifikation 

Der Tag startete mit kompakter und tiefer Bewölkung, die eine direkte Sonneneinstrahlung verhinderte. Bis kurz nach Mittag traten zudem noch einige mäßige und lokale Regenschauer über luxemburgischem Gebiet auf.  Dies beeinträchtigte den Aufbau der nötigen latenten Instabilität in Anwesenheit einer hohen Grundschichtfeuchte aber keineswegs.
Zur Auslöse von Konvektion kam es zu Beginn des Nachmittags nur entlang des Mains und der Mosel, sowie über dem Süden Nordrhein-Westfalens (Abb. 4a). Diese konvektiven Zellen zogen dann größtenteils in südwestliche Richtungen. Im Laufe des späten Nachmittags wurden weitere konvektive Entwicklungen über Belgien und Luxemburg ausgelöst (Abb. 4b).

Abb. 4a: Satellitenbildanimation 11:00 bis 14:00 UTC / © MeteoGroup
 Abb. 4b: Satellitenbildanimation 14:00 bis 17:00 UTC / © MeteoGroup
Über luxemburgischem Gebiet lebte die Konvektion zwischen 17:00 und 17:30 Ortszeit auf. Zum einen zog ein Multizellengewitter, welches südöstlich von Bitburg entstand, parallel zur Mosel, wobei es hauptsächlich im Bereich von Grevenmacher Starkregen verursachte (siehe Niederschlagsmengen). Desweiteren wurden über dem Kanton Redingen einzelne Gewitterherde ausgelöst, die sich im weiteren Verlauf gruppierten. Dies war auch in den Kantonen Esch/Alzette und Luxemburg der Fall (Abb. 5a).

Abb. 5a: Niederschlagsradaranimation 13:00 bis 16:00 UTC / © MeteoGroup
Das Gewitter im Bereich der Mosel breitete sich an seiner nordwestlichen Flanke in Richtung Ettelbrück aus, so dass über den Kantonen Mersch, Capellen, Luxemburg und Esch/Alzette konvektive Zellen aktiv wurden, die dann weiter nach Lothringen zogen (Abb. 5b). Gegen 17:30 Ortszeit bildeten sich zwischen Useldingen und Vianden neue, teils rückläufige Gewitterzellen, die dann unter Abschwächung südwärts zogen. Dabei kam es in Ettelbrück zu heftigem Starkregen (siehe Niederschlagsmengen). Im Allgemeinen war die Konvektion recht unorganisiert und unübersichtlich.

Abb. 5b: Niederschlagsradaranimation 16:00 bis 19:00 UTC / © MeteoGroup
Die am Nachmittag verbreitet entstandenen Gewitterherde wurden nicht unbedingt primär durch die Höhendynamik an der Nordflanke des Höhentiefs über dem Löwengolf ausgelöst, sondern durch diabatische Effekte und Konfluenz in den unteren troposphärischen Niveaus. Obwohl die Radarreflektivitäten keine ausserodentlich hohen Werte aufzeigten, wurde das Unwetterkriterium bezüglich Starkregen wegen schwacher Höhenwinde und sehr feuchter Troposphäre stellenweise überschritten.
Abb. 6: Überschwemmte Straßen in Bartringen
Dies war zum Beispiel in Ettelbrück der Fall, wo innerhalb von 20 Minuten 28.4 mm Regen fielen (Quelle: MeteoGroup-Messnetz). Nun folgt eine Auflistung von markanten stündlichen Niederschlagsmengen (in mm) aus dem agrarmeteorologischen Messnetz und dem MeteoGroup-Messnetz (Zeitangabe entspricht Ortszeit):
  • 28.5 Ettelbrück (20:00 bis 21:00)
  • 25.6 Reckingen (18:00 bis 19:00)
  • 21.5 Useldingen (20:00 bis 21:00)
  • 18.4 Roeser (18:00 bis 19:00)
  • 17.5 Wasserbillig (17:00 bis 18:00)
  • 16.2 Grevenmacher (17:00 bis 18:00)
  • 16.1 Steinfort(19:00 bis 20:00)
  • 14.9 Useldingen (19:00 bis 20:00)

Dies führte an manchen Stellen zu Überschwemmungen (Abb. 6). Die 24-stündigen Regenmengen zeigten die üblichen und relativ großen Unterschiede auf lokaler Ebene auf (Abb. 7). 

Abb. 7: Niederschlagsmengen 00:00 bis 00:00 UTC / © MeteoGroup
Die Blitzaktivitäten waren im Allgemeinen moderat bis punktuell stark hervortretend. Nur die Regionen südlich der Sauer waren von elektrischen Erscheinungen betroffen und die höchste Blitzfrequenz konnte dabei im Raum Grevenmacher beobachtet werden (Abb. 8). Jedoch verursachten Blitzschläge in Dippach und Noertzingen hohen Sachschaden. Beide Erdblitze wurden nicht vom nowcast-Messnetz detektiert, so dass an dieser Stelle keine Aussage über deren Stromstärke und Polarität gemacht werden kann.

Abb. 8: Detektierte Blitze zwischen 13:00 und 19:30 UTC / © nowcast GmbH
Abschließend kann man festhalten, dass es sich im Großen und Ganzen um Gewitter mäßiger Intensität gehandelt hat, wobei die unwetterartigste Begleiterscheinung der Starkregen war.

Erdblitz mit Verästelungen (aufgenommen in Niederkerschen)